DOUBLE FEATURE
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In der illusionistischen Trompe-l’oeil-Malerei des 14. und 15. Jahrhunderts wurden mittels gemalter Scheinarchitektur künstliche Ausblicke durch vermeintliche Fenster und Türen geschaffen, um damit die Räume zugunsten des Auftraggebers zu vergrößern. Vielleicht war dies auch Carola Deyes Anliegen, als sie entschied, für die Ausstellung „Lumpen und Leinen” gleich mit einer ganzen Wand in die Wohn- und Arbeitsräume von Katrin Bahrs einzuziehen. Die durch den Raum gespannte Leinwand, bemalt mit Klappen, Türen und Öffnungen, ist Kulisse und Ausstellungswand zugleich. Der auf ihr dargestellte Raum hat etwas Heruntergekommenes: Putz bröckelt von den Wänden, Stromleitungen liegen frei, ins Mauerwerk sind Löcher geschlagen. Der Raum im Raum ist somit alles andere als ein White Cube - vielmehr vermittelt er etwas Provisorisches und Instabiles, hält sich mit eigener Bedeutung nicht zurück und bricht - im wahrsten Sinne des Wortes - in den temporären Ausstellungsort ein.
In ihren Tafelbildern verhandelt Carola Deye Motive und Ästhetik aus der Volkskunst und dem ländlichen Brauchtum. Wiederkehrende Motive sind Ornamente, Stickmuster und Holzverkleidungen, die Deye mit einer ambivalenten Freude an der diesen Motiven innewohnende Muffigkeit durchkonjugiert. Das Abgerissene der gemalten Kulisse ist als solches ein Fake und nimmt den Reiz der Abbruch-Romantik ins Visier. Im Gegensatz zu Deyes Malerei, die seltsam verstaubt, gleichzeitig aber leicht und durchlässig erscheint, stehen die glatten und technoiden Oberflächen der am Computer gezeichneten Inkjet Prints von Katrin Bahrs. Mit ganz anderen Mitteln visualisieren ihre Bilder etwas Instabiles und Fragiles, täuschen einen Raum vor, der letztendlich nichts als Oberfläche ist und an der der Blick des Betrachters abprallt. Die häufig auf geometrische Grundformen reduzierten Figurationen bewegen sich zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, lassen das Ausgangsmaterial nur noch erahnen, aber nicht mehr eindeutig erkennen.
Die gemalte Kulisse doppelt den Ausstellungsraum, besetzt ihn mit eigener Bedeutung und wird zur Super-Rahmung der eingehängten Bilder. Hinter und neben der gespannten Leinwand bleibt der eigentliche Wohn- und Arbeitsraum sichtbar. Auf unterschiedlichen Ebenen verschachteln sich die Täuschungsversuche der beiden Künstlerinnen und entwickeln ihre Anziehungskraft. Doch die Bilder halten nicht, was sie zunächst versprechen und holen uns schnell auf den Boden der Tatsachen zurück: die Dielen einer Hamburger Altbauwohnung.