KATRIN BAHRS
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SCHIFFBRUCH MIT ZUSCHAUERenglish version
von Wiebke Gronemeyer
In den Arbeiten der Hamburger Künstlerin Katrin Bahrs scheint sich alles zusammenzufügen: Formen und Farben, Vorder- und Hintergrund, die Details und das Ganze der Bildkomposition. An der Oberfläche verhandeln abstrakte Körper und farbige Gebilde ihre Stellung untereinander. Sie finden sich in die Anordnung der Künstlerin ein, die von einem langwierigen, intensiven und akribischem Prozess zeugt, der sich verschiedenster Medien bedient und nur ein Ziel kennt: das ideale Bildgefüge, die genaue und niemals willkürliche Anordnung von Linien und Flächen, Formen und Farben, Figuren vor ihrem Grund, der keineswegs ein Hintergrund ist.

Vielmehr bereitet er die Bühne für ein Schauspiel des Handels und Handelns, im doppelten Sinne: Die Künstlerin verhandelt ihr Bildmaterial, dass sie in Kunst-, Kultur- oder Alltagsgeschichte gefunden, archiviert und geordnet hat, im Computer, um es dort nicht nur um-, sondern vor allem neu zu gestalten. Handeln müssen allerdings wir als Betrachter, wenn wir den Werken gegenüberstehen und eben jene ontologische Frage stellen: Was verbirgt sich in den Bildern, was sind die Bilder? Diese Frage scheint angesichts der Mannigfaltigkeit von Gründen und Ursachen zunächst viel zu undifferenziert und auf einen Einheitsgrund hingezielt. Doch gerade darin liegt ihr Charme, denn sie richtet sich weder ausschließlich auf den Vergleich von Vorder- und Hintergrund, noch auf spezifische Gegenüberstellungen von spitzen zu weichen Formen oder fächerartigen zu schwungvollen Gebilden, sondern auf das Ganze der Komposition.

Vor den Arbeiten der Künstlerin versucht sich der Betrachter nicht nur in der Beschreibung dessen, was er sieht, sondern will dem Ganzen auch noch Bedeutung abgewinnen, was die Künstlerin nur zu einem gewissen Grad zulässt, und meist harsch unterbindet. Denn ihr liegt es an einer gewissen Unbegrifflichkeit, am Unfassbaren und Unsagbaren im Wesen der Dinge, die wir zu erkennen glauben.

„Der Prozess der Erkenntnis ist auf Verluste kalkuliert“¹, schrieb der deutsche Philosoph Hans Blumenberg in seiner Theorie der Unbegrifflichkeit , in der er den Menschen eine für ihr Dasein notwendige Sprachlosigkeit attestiert. Katrin Bahrs begibt sich auf die Suche nach der Überwindung dieser Sprachlosigkeit. Es geht hier eben nicht um eine optische Täuschung oder dekorative Anordnung, sondern um die Ergründung des Bildraumes, der für die Künstlerin eben jenen Horizont darstellt, auf den der Mensch in seiner Daseinsbeschreibung notwendigerweise trifft, obwohl er ihn doch eigentlich überwinden möchte. Ihre Bildkompositionen setzen sich aus vielen Geschichten, Verweisen und Archivspuren zusammen. Es ist nicht einfach zu sagen, wo hier Bedeutungsebenen liegen: auf der Oberfläche, in den schier unendlich monochromen Tiefen, oder gar im Auge des Betrachters.

Der Blick des Betrachters trifft auf eine Mauer, die Erkenntnis von Erkennbarkeit trennt. Im Bild finden sich Nahstellen, an die gewohnte Wahrnehmungsmuster zwar anknüpfen können, jedoch keineswegs müssen. Vielmehr liegen sie offen für neue Assoziationen, neue Dimensionen und neue Sichtweisen. Die Frage der Herkunft ihrer Bildmaterialen wird von der Künstlerin nicht verneint, sondern durch ihre Maskierung als gleichwertige Formen und Farben als Verdacht etabliert. Unser Schauen wird zum Sehen, eine Art Kodifizierung von Symbolen, wobei die Codes weder von der Künstlerin, noch vom Betrachter oder dem Phantom Gesellschaft allein geschrieben werden können. Sie entstehen durch und in Kommunikation - und eben dort findet sich das Wesen dieser Bilder, nicht nur ihre Bedeutung. Wo Kommunikation durch Sprache laut Blumenberg immer nur die Überwindung der eigenen Begrifflichkeit im Sinn hat, geht es Katrin Bahrs um die Überwindung der Bildlichkeit als vorgeschriebene Erkenntnis. Ihre Bilder bieten uns an, diesen Horizont zu überwinden.



¹Hans Blumenberg: „Ausblick auf eine Theorie der Unbegrifflichkeit“, in ders.: Schiffbruch mit Zuschauer, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997, S. 85-106